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Die Perger Mühlsteinindustrie

Harald Marschner
Obmann Freilichtmuseum Steinbrecherhaus

Mühlsteinbruch in Perg, anno 1865
Mühlsteinbruch in Perg, anno 1865. Franz Hölzlhuber, 1826 Steyr.
Der Mühlstein bzw. das Mühlsteinpaar war seit Jahrtausenden eines der wichtigsten Werkzeuge der Menschheit. Ohne Mahlen gibt es kein Mehl, die wesentliche Basis der Ernährung. So stand auch der Mühlstein unter besonderem Schutz. Es heißt im Buch Mose: „Man soll nicht Mühle noch Mühlstein pfänden; denn wer das tut, pfändet das Leben.“

Die uns bekannten Wassermühlen, mit zwei übereinanderliegenden runden Mühlsteinen, wurden im Römischen Reich entwickelt und verbreiteten sich in ganz Europa. Windmühlen findet man in Europa erst ab dem 11. Jahrhundert, eine Technik aus Persien, die die Kreuzfahrer mitbrachten. Seit dem frühen Mittelalter blieb das Mühlenwesen bis Anfang des 19. Jahrhunderts auf der gleichen technischen Stufe.

Mühlsteine wurden aus besonders harten, oft porösen Gesteinen gewonnen, wie zum Beispiel Porphyr, Basaltlava, Konglomerat und aus speziellem Quarz-Sandstein, wie dieser in Perg vorkommt. Dieser sehr harte, körnige Sandstein ist ein Sedimentgestein, welches in der Tertiärzeit vor 30 bis 40 Millionen Jahren entstanden ist. Solche Sandablagerungen gibt es an vielen Stellen längs der Donau, aber nur in Perg in Oberösterreich und auch in Wallsee in Niederösterreich, in Sichtweite von Perg südlich der Donau, ist das Gestein so hart, dass daraus Mühlsteine gewonnen werden konnten.

Mühlsteinbruch in Perg, anno 1865
Ansicht der Stadt Stein um 1810, Mühlsteinlagerplatz im Vordergrund. ONB Wien.
Ab wann in Perg Mühlsteine abgebaut wurden ist nicht belegt, nur wenige Hinweise deuten auf eine alte Tradition. Allerdings mussten die Perger Mühlsteinbrecher im 16. Jahrhundert eine bedeutende überregionale Stellung besessen haben, da sie sich im Jahre 1582 von Kaiser Rudolf II. ihre Handwerksordnung bestätigen ließen und das Privileg erhielten, dass, wenn im „Lanndt ob der Enns Mühlstain prüch erfunden wurde“, diese nur von den Perger Meistern ausgebeutet werden dürfen.

Es ist ein Mühlsteinbruch in Engerwitzdorf im Mühlviertel belegt, in dem Perger Mühlsteinbrecher arbeiteten. Die Handwerksordnung wurde von allen nachfolgenden Kaisern bis zu Maria Theresia bestätigt.

Die bisher erste urkundliche Erwähnung der Perger Mühlsteinbrecher kennen wir aus der Zechordnung der Steinbrecher von „Nidern Wallsee“ aus 1520. Darin bestätigen die Marktrichter den Mühlsteinbrechern deren Zunftordnung. Im 11. Artikel heißt es: „Es soll auch khain maister khain perger müllstein nicht her genn Walssee füeren noch hie nider legen darmit der pruch hie dardurch nit gelezt noch geergert wer“. Dieser Artikel sagt uns, dass schon 1520 die Perger Mühlsteine von solcher Bedeutung und Qualität waren, sodass die Wallseer diese „Konkurrenzklausel“ ihrer Zunft auferlegt haben.

Werkhütte im Freilichtmuseum Steinbrecherhaus
Prospekt an der Donau mit Mühlsteinlager, 1835 Josef Hafner; OÖ Landesmuseum

Mühlsteinbruch in Perg, um 1900
Scherer Mühlsteinbruch um 1900
Die Zunft der Perger Mühlsteinbrecher entwickelte sich sehr gut und war mit Abstand der wichtigste Erwerbszweig des kleinen Marktes. Zur besten Zeit im 18. Jahrhundert sind bis zu 40 Meister belegt! In dieser Zeit schlossen sich die Meister zur „Privilegierten Mühlstein Handelskompanie“ zusammen. Diese Gesellschaft betrieb zehn Lagerstätten an der Donau zwischen Linz und Fischamend, von wo Müller und Händler Mühlsteine beziehen konnten. Zwei Verlassenschaften aus 1708 und 1720 erwähnen 300 bzw 165 lagernde Mühlsteine auf den Lagerstätten. Später wurden auch Lager in Passau, Pressburg und Budapest eingerichtet.

Neben dem großen Scherer- und dem Kerngrabenbruch sind in Perg noch weitere fünf kleinere Sandsteinvorkommen nachgewiesen, aus denen Mühlsteine heraus gehauen wurden. Eine „Beschreibung des Mühlsteinbruches nächst dem Markte Perg im Mühlkreise“, dem Scherer-Bruch, aus 1834 gibt uns konkrete Angaben zur Arbeitsweise und zum Geschäftsumfang des Gewerbes. So heißt es, dass pro Jahr 1.200 bis 1.300 Mühlsteine vorgefertigt und in Oberösterreich, Unterösterreich, Steiermark, Ungarn, Böhmen, Mähren und in Bayern verkauft werden. Die Steine haben einen Durchmesser von 32 bis 38 Zoll und eine von Höhe von 7 bis 30 Zoll, das wären 84 bis 100 cm bzw. 21 bis 79 cm. Weiters heißt es: „In der Mühle liegt der untere Mühlstein unbeweglich, der obere ist der Läufer, und nach Verschiedenheit der Gegend ist bald der Größere, bald der Kleinere der Läufer.“ Die Preise bewegten sich je nach Qualität pro Zoll „nach der Höhe gemessen“ zwischen 30 und 36 Kreuzer Konventionalmünze.

Steinbruch heute
Mühlsteinbruch Scherer heute.
In den Ländern der Österreichischen Krone gab es zahlreiche Mühlsteinbrüche, die im 1901 erschienenen Buch „Die Steinbrüche Österreichs, welche Quader, Stufen und Pflastersteine, Schleif- und Mühlsteine und Dachplatten liefern“ aufgelistet sind. Darin werden 39 Betriebe genannt, die Perger Mühlstein-Brüche sind mit einer jährlichen Kapazität von bis zu 2.000 Mühl- und Schleifsteinen angeführt und sind damit mit Abstand die größten Betriebe in Österreich. Der nächst größere Steinbruch befand sich in Böhmen mit bis zu 300 Mühlsteinen. Die Wallseer Brüche sind mit 160 Mühlsteinen erwähnt.

Der langsame Niedergang der Mühlsteinindustrie zeichnete sich ab den 1830er Jahren ab. Drei Ursachen waren dafür maßgeblich, die wichtigste war die Erfindung der Walzenstühle, eine gänzlich neue Technologie, die sich stetig ausbreitete und die Müllerei revolutionierte. Die Erweiterung des europäischen Wirtschaftsraumes durch verbesserte Transportwege und schnellere Kommunikation machte es auch möglich, qualitativ bessere Mühlsteine, z.B. die „Champagnersteine“ aus französischem La-Ferté-Quarz, zu beziehen und zum dritten wurden später auch preiswertere „künstliche“ Mühlsteine gegossen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Mühlsteinunternehmen, die einfach ihre Brüche auf Grund des Auftragsrückganges schlossen, reagierten die verbliebenen vier Perger Meister 1872 mit der Gründung einer gemeinsamen Firma „Fries, Burgholzer & Co“, sie nannte sich sehr bald „Fabrik französischer, deutscher und künstlicher Mühlsteine“ und bezeichnete sich als das „Größte Mühlsteinbruch-Unternehmen“ Österreichs. Man erzeugte neben den Mühlsteinen auch Mahl- und Schleifsteine für viele andere industrielle Anwendungen und positionierte sich auch als Lieferant für Müllereibedarf, Walzenstühle und andere Müllerei-Maschinen. Daneben wurden zukunftsträchtige Produkte entwickelt, deren Basis der Quarzsand aus Perger Sandstein war, wie z.B. Edelputze, die unter dem Markennamen „Pergit“ verkauft wurden.

Jedenfalls wurde der letze Mühlstein in den 1930er Jahren im Schererbruch heraus gehauen und in den 1970ern der letzte künstliche Mühlstein ausgeliefert. Heute ist „Capatect“, ein Unternehmen der Synthesa Gruppe in Perg, das Nachfolge-Unternehmen von „Fries, Burgholzer & Co“. Capatect ist Marktführer für Wärmedämmverbundsysteme in Österreich. Ein ganz wesentlicher Rohstoff ist nach wie vor der Quarzsand.

Werkhütte im Freilichtmuseum Steinbrecherhaus
Die Firma Fries, Burgholzer & Co um 1900. Mühlstein Werkstätte um 1900.

In Perg ist das Mühlsteinhauergewerbe besonders gut dokumentiert, das Heimathaus-Stadtmuseum zeigt und bewahrt viele Dokumente dieses für Perg äußerst bedeutenden Gewerbes. Das im alten Scherer Mühlsteinbruch gelegene Freilichtmuseum Steinbrecherhaus vermittelt die Bearbeitung der Mühlsteine und im Scherer Mühlsteinbruch kann die schwere Arbeit der Mühlsteinbrecher nachempfunden werden. Das Freilichtmuseum Steinbrecherhaus und der Mühlsteinbruch können im Rahmen des „Steinbrecher-Spazierganges“ besichtigt werden.

Werkhütte im Freilichtmuseum Steinbrecherhaus
Werkhütte im Freilichtmuseum Steinbrecherhaus

Autor: Harald Marschner
Obmann Freilichtmuseum Steinbrecherhaus; Perg im Juli 2017